Veranstaltungsreihe in Bonn Oktober 2019 bis Februar 2020

25.10.2019 – Silke Helfrich:
Frei, fair und lebendig – die Macht der Commons

Silke Helfrich

Im Buch »Frei, fair und lebendig – die Macht der Commons« wollen wir Mut machen: Ja, doch, es gibt eine real existierende Alternative zum Kapitalismus und zum untergegangenen Staatssozialismus, zum übermächtigen Markt und Staat. Sie ist menschen- und naturfreundlich. Sie befriedigt Bedürfnisse und produziert Verbundenheit. Sie ist so alt wie die Menschheit und doch so modern wie neueste Computertechnik. Sie ist überall auf dem Globus präsent. Es handelt sich um die Commons. Manche sagen dazu auch „Gemeineigentum“, doch das ist unzulässig verkürzt. Commons sind lebendige soziale Prozesse, in denen Menschen selbstorganisiert ihre Bedürfnisse befriedigen.

Wir haben die Ergebnisse der Commons-Forscherin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom weiterentwickelt und grundlegende Muster des Commoning gefunden. Um nur einige zu nennen: „ohne Zwänge beitragen“, „sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten“ und „Wissen großzügig weitergeben“. Durch Commoning kann heute praktisch alles gemeinsam bereitgestellt und genutzt werden, was Menschen brauchen: Solarautos, Lampen, Stoffe, Möbel, Krankenpflege, WLAN, Software. In Projekten der Solidarischen Landwirtschaft wird Gemüse angebaut und das Risiko, dass die Ernte verhagelt, gemeinsam getragen. Das „Mietshäuser-Syndikat“ löst Wohnraum aus dem Markt und überlässt ihn Menschen, die zugleich Mieter und Eigentümer werden. Und Gemeinschaftswälder und -gewässer sind wohl das älteste Commons überhaupt: Bis zu 2,5 Milliarden Menschen sind auf Gemeinschaftsland angewiesen.

Die Macht der Commons ist real. Sie gehören zu einer Bewegung und Weltanschauung, die die Menschheit planetenfreundlich durch kommende Jahrhunderte tragen kann.

  • Zeit: 18:00 – 20:30 Uhr
  • Ort: Institut für Medienwissenschaft, Raum 4.001, Lennéstr. 6, 53113 Bonn

Silke Helfrich ist unabhängige Autorin, Herausgeberin, Forscherin und Aktivistin zu Commons. Sie hat romanische Sprachen und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Ökonomie studiert. Sie ist Gastgeberin der Commons-Sommerschule und inspiriert gern. Jüngste Veröffentlichung: »Frei, Fair und Lebendig. Die Macht der Commons« (mit David Bollier, transcript 2019).

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26.10.2019 – Heike Pourian, Silke Helfrich:
Eine gedankliche und körperliche Annäherung an die Muster des Commoning

Heike Pourian
Heike Pourian

Workshop: Wie geht (gesellschaftliche) Veränderung durch mich hindurch?

Das Buch von Silke Helfrich und David Bollier „Fair, frei und lebendig“ bietet uns mit den Mustern des Commoning ein wertvolles und wirksames Werkzeug für die Praxis, das uns befähigt, unsere bestehenden oder im Entstehen begriffenen Projekte daraufhin zu überprüfen, ob sie wirklich ein neues Wirtschaften in die Welt bringen oder doch mitunter die alte Geschichte fortschreiben. Die Wirtschaftsformen, den sozialen Umgang- und unsere Organisationstrukturen radikal unter das Zeichen von Verbundenheit zu stellen ist unumgänglich. Und wenn die Strukturen stimmen, bleibt noch immer die Frage, die sich jede*r einzelne stellen darf, der oder die in und mit diesen Strukturen arbeiten möchte: Bin ich commonsfähig? Habe ich die zugrundeliegende Haltung so weit verinnerlicht, dass ich das wirklich leben kann? Wie gelingt es mir, auf verteilte Strukturen zu setzen, im Vertrauensraum transparent zu sein oder gemeinstimmig zu entscheiden?

Wo hat mich die Logik von Mangel, Konkurrenz und Kontrolle so geprägt, dass ich kaum in der Lage bin, mich in diese ungewohnten Vereinbarungen hinein zu entspannen? Kann ich erspürend erkennen, wie sich der Kapitalismus in mir eingenistet hat? Was brauche ich, um andere Erfahrungen zu machen, die diese z.T. unbewussten Prägungen überschreiben? Vertrauensbildung und Bindung sind im Wesentlichen somatische Vorgänge, die im Idealfall in die vorsprachliche Phase der Entwicklung eines Individuums fallen, das zeigen neurowissenschaftliche Erkenntnisse deutlich. Es macht also Sinn, uns auf eine (auch) körperliche Entdeckungsreise zu begeben, um Zugang zu finden zur Weisheit, die allem Lebendigen innewohnt: Wir sind nicht getrennt, sondern in unserer Einzigartigkeit Teil eines komplexen Organismus, in dem alles von allem abhängt.

Das wollen wir in dem Workshop erlebbar machen und auf diese Weise Muster des Commoning in uns verankern. Als Grundlage für diese Forschungen dient uns unter anderem die zeitgenössische Tanzform Contact Improvisation. Den Auftakt am Samstagmorgen macht ein getanzter Vortrag mit Heike Pourian und Jennifer Hörnemann. Daran anknüpfend machen wir eigene Erfahrungen und reflektieren sie auf der Basis der Commons-Theorie. Der Besuch der Buchvorstellung am Vorabend kann eine gute inhaltliche Einführung ins Thema darstellen.

Es sind keinerlei Bewegungerfahrungen oder -begabungen vonnöten, Menschen mit jedweden Einschränkungen sind ausdrücklich willkommen. Bitte bewegungsfreundliche Kleidung (eher Jogginghose als Jeans oder Rock) und dicke Socken mitbringen.

  • Zeit: 11:00 – 17:00 Uhr
  • Ort: Alte VHS, Bewegungsraum, Kasernenstraße 50, 53111 Bonn

Wegen Begrenzung der Teilnehmendenzahl bitten wir um Anmeldung über:
contact-impro-workshop@commons-institut.org [Du erhältst dann eine Bestätigungs-Mail]

Es wird kein fester Workshopbeitrag erhoben, sondern um Spenden gebeten. Die Workshop-Gebenden leben beide von diesen Tätigkeiten.

Heike Pourian ist Wandelforscherin, Tänzerin, Autorin von »Eine berührbare Welt«. Sie lädt Menschen zum Spüren und zur lebendigen Selbstermächtigung ein, weil sie erlebt, welche starke und verbindende politische Gestaltungskraft dem Sinnlichen, Körperlichen, Spielerischen innewohnt. Website: www.beruehrbarewelt.de.

Silke Helfrich ist unabhängige Autorin, Herausgeberin, Forscherin und Aktivistin zu Commons. Sie hat romanische Sprachen und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Ökonomie studiert. Sie ist Gastgeberin der Commons-Sommerschule und inspiriert gern. Jüngste Veröffentlichung: »Frei, Fair und Lebendig. Die Macht der Commons« (mit David Bollier, transcript 2019).

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15.11.2019 – Johannes Euler:
Wasser als Gemeinsames

Johannes Euler

Die Welt ist voller Konflikte. Diese ranken sich nicht zuletzt um knapper werdende Ressourcen. Eine besonders wichtige und bedrohte ist das Trinkwasser. Im Kapitalismus sind Wasserkonflikte bereits in der Gesellschaftsstruktur angelegt. Ihnen wird in der Regel in einem destruktiven Gegeneinander begegnet. Auch in Commons-Vereinigungen treten Konflikte auf. Dies geschieht jedoch weniger häufig, und der Umgang mit ihnen erfolgt tendenziell in einem konstruktiven Miteinander. Diese Argumentation entstammt meiner Doktorarbeit zu Wasserkonflikten und wird mit vielen Einsichten aus der Feldforschung in Bolivien und Kolumbien veranschaulicht.

  • Zeit: 18:00 – 20:30 Uhr
  • Ort: Institut für Medienwissenschaft, Raum 2.002, Lennéstr. 1, 53113 Bonn

Johannes Euler vertritt den Lehrstuhl für Arbeit und Organisationskultur im Handel im Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter. Er ist Commons-Forscher und Aktivist und promoviert zum Thema „Wasser als Gemeinsames: Potenziale und Hemmnisse von Commoning für die Lösung von Konflikten bei der Wasserbewirtschaftung“. Darüber hinaus forscht er zu Postwachstumsökonomien und Pluraler Ökonomik. Johannes ist im Commons-Institut aktiv und lebt in einem Wohnprojekt in der Nähe von Bonn. Er singt, spürt, tanzt, wandert und kocht gerne und mag Bratkartoffeln mit Spiegelei und Salat.

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06.12.2019 – Friederike Habermann:
Ausgetauscht! Tauschlogikfreiheit steht für eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten

Friederike Habermann
Friederike Habermann

Frei von Tauschlogik heißt, sich nach Bedürfnissen und Fähigkeiten zu organisieren, statt sich nach Preisen auf einem Markt zu richten. In meinem Konzept „Ecommony“ (2016) zeige ich, dass ein solches Wirtschaften in den Bereich des Möglichen rückt; mit „Ausgetauscht“ (2018) lege ich dar, warum eine wahrhaft emanzipatorische Gesellschaft notwendig tauschlogikfrei sein muss. Denn ein Tauschwertsystem, wie es Geld darstellt, ist Erpressung light: Es zwingt Menschen zu unfreiwilligen Handlungen. Umgekehrt heißt Tauschlogik, auf Kosten anderer zu leben, auf Kosten unserer Mitwelt – und schließlich auf Kosten von uns selbst, die wir gelernt haben, nicht auf unsere Bedürfnisse zu achten, sondern zu funktionieren.

Entfremdung und Ausbeutung zu kritisieren, dann aber bei der Hoffnung zu verbleiben, demokratische Bestrebungen könnten die Tausch- bzw. Marktmechanismen aufheben, reicht nicht. Auch die reine Abschaffung des Eigentums an Produktionsmitteln ließe noch viele Ungerechtigkeiten unangetastet. Für eine tauschlogikfreie Gesellschaft einzutreten ist darum nicht naiv, sondern konsequent links, feministisch und zukunftsweisend.

  • Zeit: 18:00 – 20:30 Uhr
  • Ort: Alte VHS, Veranstaltungsraum I, Kasernenstraße 50, 53111 Bonn

Friederike Habermann beschäftigt sich seit langem als Ökonomin, Historikerin, Autorin sowie Aktivistin mit Commons. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Verwobensein von Ökonomie mit anderen Herrschaftsverhältnissen. Jüngste Veröffentlichung: Ausgetauscht. Warum gutes Leben für alle tauschlogikfrei sein muss.

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15.01.2020 – Jens Schröter:
Die Gesellschaft nach dem Geld

Jens Schröter
Jens Schröter

Im Verbundprojekt „Die Gesellschaft nach dem Geld“ erforschen wir die Möglichkeiten gesellschaftlicher Koordination jenseits von Geld, Markt und Staat. Sind post- oder nicht-monetäre Ökonomien nicht nur theoretisch denkbar, sondern auch simulierbar? Besonders die Commons-Forschung liefert hierfür vielversprechende Inspirationen. Die Auszeichnung von Elinor Ostrom mit dem Wirtschaftsnobelpreis 2009 honorierte eine Forschung, in der die prinzipielle Tragfähigkeit solcher Ansätze zeigte. Obwohl die agentenbasierte Simulation ein weitverbreitetes Mittel ökonomischer Forschung ist, gehen solche Simulationen in der Regel immer und unbefragt von monetären und marktförmigen Ökonomien aus. Im Projekt entwickeln wir erstmalig ein Simulationsmodell einer nicht-monetären und nicht-marktförmigen Ökonomie. Der aktuelle Zwischenstand unseres Projekt wird gezeigt. Angesichts der gegenwärtigen Diskussion um ökonomische und ökologische Krisen ist der Versuch andere Ökonomien zu simulieren von höchster gesellschaftlicher Relevanz.

  • Zeit: 18:00 – 20:30 Uhr
  • Ort: Institut für Medienwissenschaft, Raum 2.002, Lennéstr. 1, 53113 Bonn

Jens Schröter ist Professor für Medienkulturwissenschaft an der Uni Bonn, Sprecher des Projekts „Die Gesellschaft nach dem Geld – eine Simulation“ und Leiter des Projekts „Van Gogh TV. Erschließung, Multimedia-Dokumentation und Analyse ihres Nachlasses“ (zusammen mit Anja Stöffler, FH Mainz). Seine Forschungsschwerpunkte sind Digitale Medien, Photographie, Fernsehserien, Dreidimensionale Bilder, Intermedialität, Kritische Medientheorie. Jüngste Publikationen sind „Marx. Geld. Digitale Medien“ (in: Maske und Kothurn 64, 2018, zusammen mit Till Heilmann); „Society after Money. A Dialogue“ (Bloomsbury 2019, als Teil des ‚Projekts Gesellschaft nach dem Geld‘); „Markets“ (University of Minnesota Press, 2019, mit Armin Beverungen, Philip Mirowski und Edward Nik-Khah); „Medien und Ökonomie. Eine Einführung“ (Springer 2019).

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07.02.2020 – Bini Adamczak:
Beziehungsweise Revolution

Bini Adamczak
Bini Adamczak

Vortrag und Lesung betrachten die Ereignisse von 1917 durch das Prisma 1968 und bringen beide Revolutionen in ein Verhältnis wechselseitiger Kritik. Während 1917 auf den Staat fokussierte, zielte 1968 auf das Individuum. In Zukunft müsste es darum gehen, die »Beziehungsweisen« zwischen den Menschen in den Blick zu nehmen. Die revolutionären Geschlechterverhältnisse sind Verhältnisse, die zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, »Nahbeziehungen« und »Fernbeziehungen« geknüpft sind – das Geschlecht der Revolution. So tritt ein Begehren zutage, das nach wie vor seiner Realisierung harrt: das Begehren nach gesellschaftlichen Beziehungsweisen der Solidarität.

  • Zeit: 18:00 – 20:30 Uhr
  • Ort: Alte VHS, Veranstaltungsraum I, Kasernenstraße 50, 53111 Bonn

Bini Adamczak arbeitet hauptsächlich als Autorin und Künstlerin. 2017 erhielt sie internationale Aufmerksamkeit, als ihr Buch „Communism for Kids“ in den USA einen rechten Shitstorm auslöste. Zuletzt erschienen „Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution“ in der edition assemblage und „Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende“ in der edition suhrkamp.

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28.02.2020 – Simon Sutterlütti:
Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken

Simon Sutterlütti
Simon Sutterlütti

In der menschlichen Geschichte und mit der damals wie heute präsenten Praxis der Commons existiert eine Alternative zur Exklusionslogik des Kapitalismus: die Inklusionslogik. Sie ermöglicht eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisbefriedigung der Einen nicht auf Kosten der Anderen geht. Eine Gesellschaft, in welcher ich meine Bedürfnisse besser befriedigen kann, wenn ich die Bedürfnisse anderer einbeziehe. Es ist eine Inklusionsgesellschaft „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx/Engels). Die Inklusionsgesellschaft verlangt keine guten Menschen, doch erlaubt sie uns gut zu sein – und hilft stellenweise etwas nach. Im Vortrag will ich zeigen, warum eine hocharbeitsteilige Commons-Gesellschaft kein Wunschtraum, sondern begründete Möglichkeit ist und welche Bedingungen diese Inklusionslogik erzeugen können.

  • Zeit: 18:00 – 20:30 Uhr
  • Ort: Alte VHS, Veranstaltungsraum I, Kasernenstraße 50, 53111 Bonn

Simon Sutterlütti beschäftigt sich mit Utopie, Transformation, Geschichte und Kritischer Psychologie, ist Co-Autor von »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken«, ist Mitarbeiter im Projekt »Die Gesellschaft nach dem Geld«, bloggt auf keimform.de, ist im Commons-Institut und im Netzwerk Kollektive Selbstverständigung aktiv. Er wohnt in Göttingen, mag Science Fiction, Schwimmen und Wandern.

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